Erster Schultag

Zeitungsartikel - Urner Zeitung


Die Tagesschule Schwyz hat ihr neues Schulhaus bezogen. Urner Schülerinnen und Schüler fühlen sich dort an die Unterrichtsstätte von Zauberlehrling Harry Potter erinnert.

Der einladende Innenhof liegt gleich hinter dem Dominikanerinnen-Kloster St. Peter am Bach in Schwyz. Eingebettet zwischen einer ehemaligen Kapelle, einer Gartenanlage sowie Alters- und Familienwohnungen entsteht jener historischer Charme, den man sonst von touristischen Orten kennt. Kaum jemand würde erwarten, dass hier die Schüler der Tagesschule Schwyz die Schulbank drücken.

Der erste Schultag nach den Sommerferien an der Tagesschule Schwyz kann beginnen.

Doch bereits hinter dem Eingangstor hört man ein paar Kinder, die sich nach den Sommerferien voller Freude begrüssen. Unter den Schülern sind die Urner Gjin (10) und Selin (14), die ihr neues Gspändli Tim (11) aus Schattdorf willkommen heissen. Für Tim ist es der erste Tag an der Schwyzer Privatschule. «Ich war etwas nervös», gibt er offen zu. Doch nun hat Tim einen guten ersten Eindruck gewonnen: «Die Garderoben und Lernboxen sind cool», sagt er. Es fällt der Vergleich mit Harry Potters Schule Hogwarts. «In Hogwarts haben die Schüler allerdings Schränke», weiss Tim.

Im Obergeschoss befinden sich die Oberstufe und das Büro des Schulleiters, dessen Zwischenwand unter den Schülern zu Reden gibt. «In der Wand verbirgt sich ein alter Tresor», verrät Tim. Er versucht zum Spass, den Tresor mit dem Schlüssel einer Türe zu öffnen, leider ohne Erfolg.


«Laut Kari Pfyl ist der Tresor leer, im Boden hat man aber alte Münzen gefunden», sagt Schulleiter Silas Inderbitzin. Kari ist ein 92-jähriger Handwerker, der mit seiner Frau in einer der Wohngruppen des Alterszentrums Acherhof haust, der topfit ist und sich um den Erhalt des alten, denkmalgeschützten Herrenhauses Acher kümmert. «Kari hat noch die alte Handwerkskunst gelernt und beispielsweise die 200 Jahre alte Eingangstüre renoviert», so Inderbitzin.


Beziehungen spielerisch aufbauen

An diesem Morgen finden sich die Kinder der Basis- und Mittelstufe im Kreis ein, um einander spielerisch kennen zu lernen und da, wo man sich bereits kennt, von den Sommerferien zu berichten. «Das Spiel in der durchmischten Gruppe ist ein wichtiger Schritt, um die Beziehung aufzubauen», sagt Schulleiter Inderbitzin. «Dies ist Teil unseres Konzeptes, denn für das optimale Lernen spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, wie etwa die Geborgenheit.» Sogar ein paar Farbensets mit Stift und Plüschtier erhalten die Kinder als Glücksbringer zum Schulstart geschenkt.

Gjin aus Amsteg sagt: «Die Lehrer sind sehr nett hier, und ich habe mich riesig auf den Schulstart gefreut.»


Marc Püntener und Flavio Zenoni

Drei der sechs Klassenlehrer sind Urner. Marc Püntener und Flavio Zenoni aus Altdorf unterrichten an der Oberstufe und haben festgestellt, dass die Schüler an diesem Morgen sehr «gwundrig» sind. «Auch wir Lehrer müssen uns in den Räumen noch zurechtfinden, aber die Stimmung ist gut.» Für sie ist die flexible Gestaltung des Unterrichts das Wertvollste: «Die Kinder können bei uns mitreden.»


Damit sprechen sie den Wochenplan an, den sich jedes Kind selber zurechtlegt: «Die Schüler entscheiden neben den Inputs selber, wann sie Deutsch oder Mathematik lernen. Durch die Klassenzimmer zirkulieren Fachlehrer.» Ende Woche wird darüber reflektiert, wie gut die Wochenziele erreicht wurden. Laut Schulleiter Silas Inderbitzin steigert diese Art der Selbständigkeit die innere Motivation und die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Die Oberstufenschülerin Selin aus Altdorf sagt: «Ich hatte an den öffentlichen Schulen etwas Mühe in Mathematik, aber die Lehrer hier haben es mir sehr gut erklärt und mir viele Tricks gezeigt.»

Geborgenheit im familiären Umfeld

Um 11.30 Uhr ist der Vormittag auch schon vorbei und die Schüler strömen in den Esssaal, wo Köchin Maijlinda Jasiqi einen «Spaghetti-Plausch» vorbereitet hat, «damit am ersten Schultag punkto Essen nichts schiefgeht», wie die Amstegerin sagt.


Köchin Maijlinda Jasiqi

Jasiqi hat alle ihre drei Kinder an die Tagesschule geschickt, ihre Tochter besucht inzwischen das Gymnasium in Altdorf. «Hier sind die Kinder keine Nummer, sie werden persönlich aufgenommen und individuell gefördert», sagt sie. Es gäbe einfach Kinder, die noch etwas mehr Geborgenheit brauchten als andere, um aufzublühen.

Dieses «etwas andere Umfeld» haben die Urner Selin, Gjin und Tim hier in Schwyz gefunden. Unscheinbar und doch zentral gelegen im Acherhof – dem neuen Dorfquartier im Herzen des Kantonshauptorts Schwyz – können sie mit ihren Kameraden an ihren Fähigkeiten feilen.

Für die Zukunft hat sich die Schule noch einiges vorgenommen. Es sollen Kontakte geknüpft werden zwischen den Acherhof-Senioren, beispielsweise über die Werkstatt. Schulleiter Silas Inderbitzin sagt: «Es entsteht hier ein Mehrgenerationenprojekt, bei dem unsere Schüler auch von den Erfahrungen der Senioren profitieren können und diese umgekehrt vom frischen Wind unserer Schüler.» Ein echtes Dorfquartier für alle Generationen also.


Christian Tschümperlin 17.08.2020

Bilder: Christian Tschümperlin

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